Der Urknall – Anfang von allem oder nur einer von vielen?
Nach heutigem Stand der Kosmologie begann unser beobachtbares Universum vor rund 13,8 Milliarden Jahren in einem extrem heißen und dichten Zustand. Der Begriff „Urknall“ ist dabei etwas irreführend: Es explodierte nicht Materie in einen bereits vorhandenen leeren Raum. Vielmehr begann sich der Raum selbst auszudehnen. Aus einem heißen frühen Universum entstanden im Laufe von Milliarden Jahren Atome, Sterne, Galaxien und schließlich die Strukturen, die wir heute beobachten.
Wie dieser allererste Zustand entstand, beantwortet die Urknalltheorie allerdings nicht. Sie beschreibt die Entwicklung des frühen Universums außerordentlich erfolgreich, stößt aber bei der Frage nach dem eigentlichen Anfang an ihre Grenzen. Auch die sogenannte kosmische Inflation – eine extrem schnelle Expansion in einer sehr frühen Phase – lässt offen, was ihr vorausging und wodurch sie ausgelöst wurde. NASA Science
Damit ist auch keineswegs bewiesen, dass es nur einen Urknall gegeben haben kann. Einige kosmologische Modelle lassen die Möglichkeit zu, dass unser Universum nur eines von vielen Universen ist. In solchen Vorstellungen könnten immer wieder neue Universen entstehen – jedes mit einem eigenen „Urknall“, möglicherweise sogar mit unterschiedlichen Naturkonstanten. Dieses Multiversum ist eine wissenschaftlich diskutierte Hypothese, bislang jedoch keine experimentell bestätigte Tatsache. Wir können derzeit nur unser eigenes beobachtbares Universum untersuchen.
Die Frage nach dem Ursprung berührt zwangsläufig auch Religion und Philosophie. Eine wissenschaftliche Urknalltheorie beantwortet nicht die Frage, warum überhaupt etwas existiert. Ebenso wenig kann die Naturwissenschaft feststellen, ob hinter dem Universum ein Schöpfer steht. Wissenschaft untersucht Vorgänge, für die sich beobachtbare und überprüfbare Aussagen formulieren lassen.
Daneben existieren religiöse Vorstellungen, die die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich verstehen. Besonders in den USA besitzt der sogenannte Young-Earth-Kreationismus bis heute Anhänger. Danach wurden Erde und Leben durch einen unmittelbaren Schöpfungsakt Gottes geschaffen; teilweise werden die sechs Schöpfungstage der Genesis als sechs tatsächliche 24-Stunden-Tage verstanden. Diese Auffassung steht im Widerspruch zu den Erkenntnissen von Kosmologie, Geologie und Evolutionsbiologie und gilt deshalb nicht als naturwissenschaftliche Theorie. In den USA hat die Auseinandersetzung zwischen Kreationismus und Evolution dennoch eine lange gesellschaftliche Tradition. Pew Research Center
Interessanter ist vielleicht die Grenze, an der beide Denkweisen auf eine gemeinsame unbeantwortete Frage stoßen. Selbst wenn eines Tages erklärt werden könnte, wie unser Universum aus einem vorhergehenden Zustand entstand, ließe sich sofort weiterfragen: Woher kam dieser Zustand? Und selbst ein Multiversum verschiebt die Frage möglicherweise nur um eine Ebene: Warum existiert ein System, in dem überhaupt Universen entstehen können?
Der Urknall ist deshalb weniger eine endgültige Antwort auf die Frage nach dem Ursprung als der früheste Abschnitt unserer kosmischen Geschichte, den die Wissenschaft heute einigermaßen beschreiben kann. Ob er der absolute Anfang von allem war, der Beginn nur unseres Universums oder lediglich einer von unzähligen kosmischen Anfängen, wissen wir nicht.
Und genau dort, wo unser Wissen endet, beginnt eine der faszinierendsten Fragen der Menschheit: Was war davor?